Lebensräume
Alles Leben ist lebendig.
Unter günstigen Bedingungen blüht das Leben von ganz allein auf. Aus Nähe zu Ressourcen, durchlässigen Wegen, Begegnungsorten und Platz für Neuem entstehen wie von selbst Austausch, Handel, Lernen und Zusammenarbeit. Je vielfältigere Verbindungen geknüpft werden können, desto kreativer, effizienter und widerstandsfähiger werden die Lebensnetzwerke. Das gilt für das Korallenriff genauso wie für das Wohnquartier. In einer tragfähigen Gesellschaft ist Raumgestaltung Lebensraumgestaltung.
Mit welchem Gefühl werden die Menschen wohl einst auf die heutigen Räume zurückschauen?
Über Jahrtausende lebten die Menschen eng zusammen mit Pflanzen und Tiere. Dass vielfältige Lebensräume auch widerstandsfähiger sind, belegten sie später natur- und sozialwissenschaftlich. Und die Werbung zeigte am liebsten Menschen, die in grünen Landschaften, lebendigen Quartieren und intakter Natur glücklich zusammenlebten.
Erstaunlicherweise behandelten die Menschen Raum in der realen Welt aber nicht primär als Ort zum Leben. Sein Wert wurde vor allem daran gemessen, was sich auf ihm produzieren, bauen oder transportieren liess. Wurde der Urwald zum Weideland, der Fluss zum Kanal oder der Mangrovenwald zur Garnelen-Farm, tauschte man Lebendigkeit gegen kurzfristigen Output.
Auch die eigenen Lebensräume unterwarfen die Menschen oft derselben Logik. Die Manufaktur wurde zum Fliessband, der Dorfplatz zur Kreuzung und der Marktplatz zum Shoppingcenter im Niemandsland. In eintönigen Räumen fand weniger Begegnung statt. So wurde es schwieriger, Zusammenhalt und Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft aufrechtzuerhalten.
Vielen passte das damals aber überhaupt nicht. Wer wollte, fand immer mehr Orte, die sich gegen diese Entwicklung stemmten und Vielfalt förderten, Grenzen durchbrachen und Platz für Neues schufen. Es fehlte gar nicht mehr viel, dass Lebendigkeit wieder zum standardmässigen Gestaltungsprinzip wurde.
