Sorgetragwerk
Care ist das Tragwerk jeder Gesellschaft.
Menschen haben nur einen Körper. Von Geburt bis Tod sind wir davon abhängig, dass wir versorgt, beschützt und gepflegt werden. Wenn wir krank oder verletzt sind, wenn Angst überhand nimmt oder alles sinnlos erscheint, wenn uns das Essen oder Trinkwasser ausgeht. Menschen sind zwar erstaunlich widerstandskräftig. Aber die Welt schafft Situationen, aus denen wir es alleine nicht mehr herausschaffen.
Der Instinkt unseren Nächsten beizustehen ist Menschen angeboren. Je mehr wir diesen Instinkt ausweiten können, desto tragfähiger wird eine ganze Gesellschaft. Glücklicherweise macht anderen zu helfen auch glücklich. Sorge zu tragen ist so buchstäblich eine Frage von Leben und Tod, aber auch von einem guten Leben.
Wie werden wir wohl einmal auf die Welt vor dem Systemwandel zurückblicken?
Dass die eigene Gesundheit und die von den Liebsten das wichtigste ist, das hätten auch damals die meisten unterschrieben. Das Bild der Mutter war für viele Menschen heilig. Geld zu spenden für Menschen in Notlage galt als nobel. Nächstenliebe war in allen Religionen und Traditionen verankert. Es war erforscht, dass es sich auch wirtschaftlich lohnt, Menschen aufzufangen. Und dass das Hilfespenden selbst glücklich macht.
Dass Care im Zentrum jeder Gesellschaft ist, war bekannt. Umso erstaunlicher, dass die damaligen Strukturen das oft überhaupt nicht widerspiegelten. Es herrschte eine Superstar-Kultur, in der versteckt wurde, wer die wichtigste Arbeit getan hatte. Manche Menschen gaben ganz viel Care, und manche nahmen sie hauptsächlich in Anspruch. Bezahlt war das meist entweder nicht oder schlecht. Wenn es um Geld und Macht ging, galt Rücksichtnahme oft gar als Schwäche und Rücksichtslosigkeit als Stärke. Den Preis dafür zahlten zuerst die Betroffen, aber am Schluss alle.
Weshalb konnten die Menschen so lange in diesem Widerspruch leben?
