Sorgetragwerk
Alles Leben ist einzigartig.
Lebewesen haben nur einen Körper. Als Menschen sind wir von Geburt bis Tod darauf angewiesen, dass sich andere um uns kümmern. Wir brauchen Zuwendung, Schutz und Pflege, wenn wir krank werden, Angst uns lähmt oder das Trinkwasser ausgeht. Kein Mensch kommt unversehrt durchs Leben.
Für andere zu sorgen ist urmenschlich, sonst hätten wir längst das Schicksal der Dinosaurier geteilt. Denn damit schützen wir nicht nur einzelne Leben, sondern schaffen Nähe, Vertrauen und die Voraussetzungen für Gemeinschaft. Davon profitieren die Menschen, die Unterstützung erhalten, und auch die, die für andere sorgen. Je weiter eine Gesellschaft diesen Kreis ziehen kann, desto tragfähiger wird sie.
Wie werden wir wohl einmal auf die Welt vor dem Systemwandel zurückblicken?
Dass Gesundheit das Wichtigste ist, hätten damals die meisten unterschrieben. Für Menschen in Not, Panda-Bären oder den Regenwald zu spenden galt als nobel. Nächstenliebe war in fast allen Religionen und Traditionen ein Grundprinzip. Die Wissenschaft zeigte, dass gute Sorge-Strukturen Gesellschaften stabilisieren und glücklicher machen.
Erstaunlicherweise spiegelte das in der damaligen Realität oft nicht wider. Erfolgsrechnungen erfassten in der Unternehmensbilanz und in der gesellschaftlichen Wertschätzung meist nur den Ertrag und nicht die Sorge-Leistungen, die das erst ermöglicht hatten. So wurde hauptsächlich belohnt, wer auf viel Unterstützung zugreifen konnte, und nicht, wer sie leistete. Weil die Rechnung ohne die Sorge-Kosten gemacht wurde, konnte sich Rücksichtlosigkeit im Wettbewerb um Geld und Macht sogar auszahlen.
Den wahren Preis zahlten die Menschen, die keine Unterstützung bekamen, und diejenigen, die das Sorgetragwerk einseitig auf ihren Schultern trugen. In der Kultur der Sorg-Losigkeit vergassen die Menschen auch, sich um sich selbst zu kümmern. So wurde am Schluss das ganze Gesellschafts-Bauwerk zerbrechlicher.
Aber auch damals waren längst nicht alle bereit, im Rücksichtslosigkeits-Spiel mitzumachen. Menschen bauten ihr eigenes Sorgetragwerk, brachten Care überall ins Rampenlicht und zentrierten ihr Leben um das, was wirklich wichtig ist. Weil es ihnen dabei offensichtlich besser ging, brauchte es nur wenig mehr, bis diese Vorbilder nur Norm wurden.
