Schliessen

Care immer und überall

Sich umeinander zu kümmern, ist die Grundlage einer solidarischen Gesellschaft. Wenn Care selbstverständlicher Teil unseres Alltags wird, entlasten wir uns nicht nur gegenseitig: Wir entwickeln einen einfühlsamen Umgang und treffen menschliche Entscheidungen.

Was ist die Ausgangslage?

Heute darf Care an genau zwei Orten stattfinden: im engsten Kreis oder im professionellen Rahmen. Überall sonst haben wir zu funktionieren, unabhängig davon, wie es uns geht. Besonders in der Arbeitswelt wird Leistung eingefordert, während die Verantwortung für Care ausgelagert wird. Doch wo wir aufhören aufeinander Acht zu geben, werden unmenschliche Entscheide erheblich einfacher. Auch in Schule, Nachbarschaft, Sportverein und anderen Lebensbereichen gibt es wenig Raum für persönliche Themen; Probleme werden verschwiegen oder verharmlost. Da Care auf den Schultern weniger lastet, sind sowohl Bezugspersonen wie professionelle Stellen überlastet und viele Menschen erhalten nicht die Unterstützung, die sie bräuchten. Doch wie wäre es, wenn wir immer und überall füreinander sorgen würden – wenn Care in allen Lebensbereichen selbstverständlich wäre?

Manchmal können auch Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten zueinanderfinden und füreinander sorgen (#139). Selbst in anonymen Nachbarschaften kann in Krisen Solidarität entstehen (#34). Care kann neue Formen annehmen und die Grenzen zwischen professionell und privat verwischen – etwa wenn eine Psychologin kostenlose Klimagespräche und Frauenkreise (#181) organisiert. Mit der Kompostbestattung wird care auf eine systemische Ebene gehoben. Es wird ein gesellschaftlicher Diskurs über den Tod (#192) angestossen: Wie gestalten wir unsere Gesetze rund um die Bestattung, wie sprechen wir über den Tod, wer ist an der Trauerarbeit beteiligt?

Wie gelingt das auf System-Ebene? Voraussetzung ist, dass Menschen ihre Innenwelt wahrnehmen, ausdrücken und teilen können (Entwicklung) und eine gemeinschaftliche Haltung (Sinn) entsteht, die motiviert, das Gegenüber besser kennenzulernen und zu unterstützen. Diese Form von Care funktioniert vor allem in hierarchie-armen Strukturen (Kooperation), da Verletzlichkeit in Machtgefällen ausgenutzt werden kann. Wir brauchen Strukturen, die berücksichtigen, dass die Leistungsfähigkeit der meisten Menschen nicht linear (Kreisläufe) ist. Langsame Orte (Raum) ermöglichen es, einander zu begegnen und füreinander da zu sein.; Q